Hersbrucker Zeitung am 14.August 2001 von herwig Danzer

Meilenstein: Regionales Musterhaus feiert Richtfest

UNTERKRUMBACH -

Der Initiativkreis Holz aus der Frankenalb hat zusammen mit

dem Bauherrenpaar Danzer die Handwerker und die

Nachbarschaft zum Richtfest am Musterhaus in

Unterkrumbach geladen. Und weil der Tradition gehorchend

dabei nur der Zimmermann redet,

konnte Landrat Helmut Reich sich in aller Ruhe mit den Gästen wie etwa

Bürgermeister Peter Stief und den Zimmerleuten unterhalten.

Die bekannten Bratwürste vom Gottschalk aus Oberkrumbach und ein

frisch gezapftes Hersbrucker Bier ließen nicht nur ihn den sommerlichen Abend

genießen.

Der Grund für Reichs Anwesenheit und die des neuen Marketingmanns der

Raiffeisenbank, Herrn Rosteck, war die Zusammenarbeit und finanzielle

Unterstützung für die Öffentlichkeitsarbeit, die das Landratsamt, die

Forstbetriebsgemeinschaft und die Raiffeisenbank Hersbruck zusammen mit

der Bausparkasse Schwäbisch Hall dem Initiativkreis zugesichert hat.

Wegweisende Zusammenarbeit

Sie erleichtert die Aufgabe, das Bauen mit dem Material und den

Handwerkern aus der Region für möglichst viele Menschen interessant zu machen. Das Musterhaus soll beispielhaft zeigen, dass durch die Zusammenarbeit von der Forstbetriebsgemeinschaft Nürnberger Land, dem Sägewerk Stümpfel und dem Zimmermann Christian Breu mit dem Holz aus Osternohe und Vorderhasslach ein qualitativ hochwertiges Haus entstehen kann.

Dieses speziell für die Bauherrn und die Harmonie zur Werkstatt der

Möbelmacher von Norbert Thiel entworfene Haus soll nicht als Fertighaus

missverstanden werden. Nicht die Architektur soll möglichst viele Nachahmer finden, sondern die regionalen Wirtschaftskreisläufe, in die dieses Projekt eingebunden ist.

Dazu steht das Haus schon seit langem für Besichtigungen zur Verfügung.

Von der vierten Klasse der Grundschule Altensittenbach, über

Exkursionsteilnehmer des auf diesem Gebiet promovierenden Hersbruckers Ulrich Ermann bis hin zu einer 50-köpfigen Delegation von Forstfachleuten aus ganz Franken haben schon viele Interessierte das Angebot genutzt.

Um auch den Nachzüglern das in nur zwei Wochen aufgestellte Holzhaus in

allen Arbeitsschritten erklären zu können, gibt es eine ausführliche

Fotodokumentation auf der Baustelle und im Internet unter

www.die-moebelmacher.de/musterhaus.

In den nächsten Wochen wird zur Isolierung auf Niedrigenergieniveau

Zellulosedämmstoff aus Altpapier eingeblasen.

Mitteilungsblatt im August 2001 von herwig Danzer

Der Initiativkreis Holz aus der Frankenalb geht mit guten Beispielen voran

Das heimische Holz wird trotz des Holzhausbooms zu wenig genutzt. Denn

noch ist es weniger Aufwand und manchmal sogar billiger das Baumaterial

aus Skandinavien, dem ehemaligen Ostblock oder sogar aus den kanadischen

Kahlschlaggebieten zu importieren, als das der umliegenden Wäldern zu

verwenden. Bei dieser Rechnung werden weder der unsinnige

Energieverbrauch noch die ökologischen Folgen für die Kahlschlaggebiete

berücksichtigt. Vor unserer Haustür wächst wesentlich mehr Holz nach,

als genutzt wird und die Qualität steht den vermeintlichen Vorteilen

von Exoten in nichts nach. Was liegt also näher, als den Hausbau vom

Material bis zum Handwerker in den Rahmen der regionalen

Wirtschaftskreisläufe einzubinden? Waldpflege, Arbeitsplatzangebot, ja

sogar die Lebensqualität einer ganzen Region könnte dadurch verbessert

werden.

Musterhaus entsteht

Der Initiativkreis Holz aus der Frankenalb hat beschlossen, die eigenen

Forderungen auch beispielhaft in die Tat umzusetzen. Die Holzfachleute

aller Fachgebiete von der Handwerkskammer über den Zimmermann, den

Schreiner, dem Sägewerk bis zu Agrar-, Forst- und Energieingenieuren

und dem Bund Naturschutz veranstalten schon seit 1998 regelmäßig

Aktivitäten zum Thema heimisches Holz. Jetzt bauen sie ein Musterhaus

in Unterkrumbach, das nicht als Fertighaus missverstanden werden soll.

Der Entwurf des Architekten und Initiativkreismitglieds Norbert Thiel

wurde speziell für Familie Danzer und den optischen Zusammenhang zur

Werkstatt der Möbelmacher erarbeitet. "Regionales Musterhaus" heißt das

Gebäude, weil es ein Muster für die Logistik mit den Materialien aus der

Region und dem heimischen Handwerk darstellt, aber nicht weil es genau

so weiterverkauft werden soll. Dabei verkörpert es die

Arbeitsschwerpunkte des Initiativkreises nach Brennholz, Bauholz und

Möbelholz aus der Frankenalb vorbildlich. Denn die Beheizung übernimmt

der Holzheizkessel der Möbelmacher durch eine Fernwärmeleitung, das

Bauholz kommt von der Forstbetriebsgemeinschaft Nürnberger Land aus

Osternohe und Vorderhaslach und die Einrichtung ist von den

Möbelmachern, die mehr als 95% ihres Holzbedarfs in der Region decken.

All diese Zusammenhänge werden interessierten Besuchern vom Hausbauer

bis zu Studentengruppen bei Führungen erläutert.

Bayerische Staatszeitung berichtet über das bundesweit beachtete Projekt

Die bayerische Staatszeitung hat schon den zweiten Artikel über das

regionale Musterhaus und den Initiativkreis veröffentlicht und die

Zusammenarbeit mit dem Holzabsatzfond und dem Bund Naturschutz führte zu

Workshops in Bonn, bei denen bundesweit Erfahrungen mit anderen

Holzinitiativen ausgetauscht wurden. Auch die Aufnahme in den Umweltpakt

Bayern II und den Umweltpakt der Stadt Nürnberg wurde mit der

ökologischen und regionalen Ausrichtung des Musterhausprojekts

begründet.

Erfolgreiche Arbeit

Die Gesamtarbeit des Initiativkreises förderte nicht nur die geplanten

Hackschnitzelheizanlagen im Altdorfer Schulzentrum oder in

Reichenschwand, sondern war auch einer der Gründe für die Aufnahme

Hersbrucks in die "internationale Vereinigung der lebenswerten Städte",

die sich "Slow City" nennen. Alle aktuellen Informationen über den

Initiativkreis Holz aus der Frankenalb gibt es auch im Internet unter

www.die-moebelmacher.de/iha

Möbeltrends 2002

Die Wiederentdeckung der Klassiker

Moderne Wohnzimmer sind vor allem schön. Das muss aber nicht unbedingt bequem sein. Auch beim Essplatz rangiert die (gemütliche) Wirkung zumeist vor tatsächlichem Komfort. Wer hier ein paar Punkte beachtet, kann beides haben.

In die Wohnzimmer zieht wieder die Formensprache der 50er Jahre ein. Die Möbel stehen auf schlanken hohen Füßchen, lange Sideboards betonen die Horizontale, Wände sind schlicht gehalten und raffinierte Beschläge lassen Türen in alle vier Richtungen „schweben“. Das ist nicht immer sehr praktisch, auf jeden Fall aber total in.

Nussbaum ist das häufigste Material. Andere helle Hölzer wie Ahorn, Buche und Birke bieten schmucke Alternativen. Eine Art Gegentrend sind Möbel aus Eiche, sogar in modernen Stilvarianten. Edelstahl ist nicht mehr so gefragt, umso mehr das qualitativ minderwertige Aluminium. Das vor allem als Gussteil für Möbelfüße, Türrahmen, und als Griffleisten. Die noch vor kurzem verpönten Muschelgriffe – dann natürlich aus Alu – sind wieder stark im Kommen.

Erstaunlich ist die Entwicklung der Couchtische: In Deutschland lag das Normalmaß lange bei 45 Zentimetern, in Frankreich und in den Beneluxstaaten dagegen immer häufiger bei 18. Mittlerweile sind sogar fünf Zentimeter im Angebot. Zwar muss man sich vom Sofa aus mehr nach seinem Glas strecken, dafür ist aber der Blick auf die restliche Polstergarnitur frei.

Die Sitzmöbel sind wieder klassisch geformt. Wohnlandschaften liegen ebenso im Trend wie eine gewisse Strenge, gleichzeitig sind aber auch Üppigkeit und Verspieltheit up to date. Auch die modernen Nachfahren von Le Corbusiers Liege kämpfen um ihre Daseinsberechtigung. Und auch Plüschbomber in Lippenform oder mit Zebramuster dekorieren die eine oder andere Wohnstube.

Der Essplatz gewinnt als geselliges Plätzchen – idealerweise in großen gemütlichen Küchen – immer mehr an Bedeutung. An Materialien sind Glas, Granit und Edelstahl in allen denkbaren Varianten im Angebot. Damit Granitflächen nicht zu kalt sind, bieten einige Hersteller eine elektrische Plattenheizung an. Auch wenn „gesundes Wohnen“ weiterhin ein Thema ist, sind „warme“ Massivholzmöbel, etwa mit geölten Oberflächen, in der Industrie nur schwer zu finden.

Blickfang und Symbol von Gemütlichkeit ist die Eckbank. Sie ist nicht mehr massiv wie ihre alpenländischen Vorbilder, sondern steht auf leichten Füßen. Diese können gerade, konisch, gedrechselt, aus Holz oder aus Edelstahl sein. Überlegenswert ist die Einzelbank als moderne Alternative: Sie bietet mehr Platz, wenn an Stelle des kurzen Schenkels Tisch und Bank ein Stück hinzugewinnen. Sie können dann stirnseitig an der Wand stehen und bei Bedarf einen weiteren Platz bieten – dazu müssen sie nur verschoben werden.

Ein Problem bei einer „Banklösung“ sind Tischbeine, die ganz außen angeordnet sind. Denn das Reinrutschen in eine Bank mit Armlehnen erweist sich dann als äußerst schwierig. Alternativen sind Wangengestelle und nach innen gerückte Füße. Oft sind die Enden mit Edelstahlmanschetten geschützt.

Text: HERWIG DANZER/Foto: Die Möbelmacher

Hersbrucker Zeitung am 27.August 01 von

Regionales Musterhaus bekam Zellulosedämmung

Mantel fürs Öko-Heim

Papierflocken mit hohem Druck zwischen Wände eingeblasen

Norbert Stör bläst die Zellulosemasse zwischen die Wände des Holzhauses. Foto: Bauer

UNTERKRUMBACH (geb) – Das regionale Holzmusterhaus des Initiativkreises „Holz aus der Frankenalb“ auf dem Betriebsgelände der Möbelmacher in Unterkrumbach (wir berichteten) erhielt vergangene Woche eine ökogerechte Dämmung gegen Kälte im Winter und gegen Hitze in der warmen Jahreszeit: In die Hohlräume zwischen Innen- und Außenwand des Holzhauses wurde ein Zellulosedämmstoff eingeblasen. Am Samstag gab es für Interessierte noch einmal eine Vorführung.

Herwig Danzer, Bauherr des Musterhauses, bedauerte, dass das Altpapier, trotz des lückenlosen Regionalkonzeptes des Bauvorhabens, nicht aus der Region stammt. Ein Kasseler Unternehmen stellt den Isofloc-Dämmstoff her. Dafür kommt der ausführende Betrieb aus dem Hersbrucker Land: Die Firma Stör und Steinbauer aus Thalheim hat eine über zehnjährige Erfahrung mit dem umweltfreundlichen Dämmstoff aus Papierflocken. Auch das Haupthaus der Unterkrumbacher Möbelfirma ist von den Thalheimern mit dem Zellulose-Dämmstoff isoliert worden.

Norbert Stör, einer der Geschäftsführer, erklärte, dass Zellulose gegenüber mineralischen Dämmstoffen viele Vorteile biete. Je Kilogramm Masse speichere sie doppelt so viel Energie. Damit würden ohne zusätzlichen Aufwand, Gewicht oder Raumverlust die Eigenschaften einer massiven Baustoffschicht erreicht. Besonders an heißen Sommertagen wirke sich die außerordentlich hohe Wärmespeicherfähigkeit der Zellulosedämmung aus.

Stör zeigte, wie der Dämmstoff in die Hohlräume des Holzhauses gelangt: Durch Öffnungen in der Außenwand bläst eine Maschine via Schlauch die Masse zwischen die Holzsparren. Der hohe Druck verdichtet die Zellulose auf bis zu 60 Kilogramm pro Kubikmeter. In einem ausgesparten Glasfenster an der Innenwand des Musterhauses beobachteten die Interessierten, wie sich die – wollig weiche – Dämmschicht aufbaut.

Durch das Einblasverfahren werde höchste Passgenauigkeit erreicht, erklärte der Fachmann. Ein weiterer, kostensparender Vorteil der Zellulosedämmung nach diesem Verfahren sei der geringe Personal- und Zeitaufwand. Nach nur zwei Arbeitstagen an dem Musterhaus schlossen Norbert Stör und sein Mitarbeiter die Dämmarbeiten ab.

Protokoll des Rotary Clubs Auerbach 21.08.2001 Distrikt 1880

Protokoll des Treffens vom 20.08.2001

Vorsitz PT Kring

Vortrag herwig Danzer: "Das regionale Musterhaus"

Bericht über das Treffen am 20.08.2001 in Unterkrumbach

Zu unserem zweiten Außenmeeting im August trafen wir uns bei den Möbelmachern (herwig Danzer) in Unterkrumbach zur Besichtigung des "regionalen Musterhauses". Im Ausstellungsraum konnten wir dann bei einem Glas Prosecco der Abhandlung der Regularien beruhigt entgegensehen.

Mit einem Blick vom Balkon der Möbelmacher-Werkstatt auf das teilerstellte regionale Musterhaus beginnt unsere heutige Veranstaltung.

Der Initiativkreis Holz aus der Frankenalb baut ein Muster(holz)haus aus den Rohstoffen der Region mit den Handwerkern derselben.

Ziele dabei sind:

In einer Fertigungskette von Waldbauern, Sägewerk, Architekt und Zimmerleuten soll gezeigt werden, dass mit Material und Handwerkern aus der Region individuelle Häuser zu realistischen Preisen gebaut werden können. Zweck ist nicht dieses Haus als Mustertyp für eine Reihe von Fertighäusern zu verkaufen, sonder eher eine Leistungsschau der hiesigen Region. Damit sollen potentielle "Häuslebauer" angeregt werden heimische Produkte bei ihrem Hausbau in Erwägung zu ziehen. Bei der Preisgestaltung, so gibt Danzer zu, kann man mit Billigangeboten des Marktes nicht konkurrieren, aber dies sei auch gar nicht beabsichtigt.

Das wichtigste Ziel des Initiativkreises ist die wachsende Verwendung des Holzes aus der Region vom Brenn-, über das Bau- bis zum Möbelholz. Wobei der ökologische Unterschied zum "meilenweit gereisten", z.B. Kanada, Österreich und Skandinavien, ausländischen Hölzern aus Kahlschlägen nicht weiter erwähnt werden muss. Während die negativen Auswirkungen des unsinnigen kontinentweiten Holztransports fast schon jedem bewusst sind, müssen die Mitglieder aber noch gegen unhaltbare Falschmeldungen in Anzeigen argumentieren, ausländisches Holz sei qualitativ besser.

Es lässt sich schon ein Trend feststellen, dass Kunden nach der Herkunft der Hölzer fragen und heimisches Material bevorzugen. Damit ist das Ziel der regionalen Absatzförderung von heimischen Hölzern bereits erreicht. Nichts desto weniger soll dieses Beispiel Katalysator für ähnliche Initiativen in ganz Deutschland werden. Dazu ist natürlich enorme Öffentlichkeitsarbeit notwendig, um bundesweit bekannt zu werden. Dies obliegt in bekannter Weise unserem Freund Danzer, der alle Hebel und Register zieht, um dieses Ziel auch zu erreichen. Von Artikeln in lokalen Tageszeitungen, über den Verbund mit "Slow City" Hersbruck, bis hin zu Artikeln in überregionalen Zeitschriften der Bausparkassen oder Hochglanzmagazinen wird versucht diese Initiative zu bewerben.

Doch nun zur Technik:

Auf eine Betonplatte werden Schwellen gedübelt und auf dieser Wände in Kiefer-Holzrahmenbauweise errichtet. Auf diese Rahmen werden nun nicht wie üblich Spanholzplatten aufgeschraubt, sondern diagonal gesetzte Kieferbretter. Dies dient zur Aussteifung des Baues ähnlich der Fachwerktechnik aus dem 15. Jahrhundert, nur auf den heutigen Stand gebracht, da eine Balkenaussteiffung wesentlich kostspieliger sein würde als die gleiche Methode mit schwächeren Hölzern. Als Isolierung dient eine Zellulosedämmung aus Altpapier mit Borsalz (wegen der Branddämmung), die in die Rahmen eingeblasen wird. Das Dach wird gedeckt mit Tonziegeln; die Böden im Erdgeschoß werden mit Solnhofer Platten verlegt und im Obergeschoß finden wir Buchendielen; Holzfenster und Türen bilden den Abschluss.

Nach einem Rundgang durch das Musterhaus, der noch viele Fragen und Antworten beinhaltete, findet der Abend seinen Abschluss im nahe gelegenen Hotel "Altes Schloss" in Kleedorf.

Ihr Aushilfssekretarius

Jörg Bollmann

Nürnberger Nachrichten vom 23.8.01 von Egbert Reinhold

In Unterkrumbach bei Hersbruck entsteht Musterhaus

Baustoff aus dem Wald

"Original Regional": Das Holz stammt aus der Nachbarschaft

VON EGBERT M. REINHOLD

UNTERKRUMBACH So ein Haus gibt es in der Region kein zweites Mal. Gebaut aus Kiefer und Lärche, 170 Quadratmeter Wohnfläche, ohne Keller, rund 400 000 Mark teuer. Vor kurzem wurde in Unterkrumbach bei Hersbruck Richtfest gefeiert: "Original Regional". Der Name verpflichtet, auch bei einem Musterhaus. Kiefer und Lärche wuchsen in den Wäldern bei Osternohe und Vorderhaslach im Kreis Nürnberger Land.

Die Geschichte von der Entstehung des Regional-Hauses erzählt Herwig Danzer, der mit Frau und Tochter in dem Musterhaus leben wird. Danzer ist Schreiner und Pressesprecher des "Initiativkreises Holz aus der Frankenalb". Es ist eine kurze Geschichte, die der 38-Jährige erzählt.

"Der Initiativkreis will Bewußtsein für den Wert des heimischen Holzes schaffen. Und was ist wertvoller als ein eigenes Haus? Also haben wir beschlossen, ein Musterhaus mit Holz aus der Region zu bauen." Hört sich einfach an und sieht auch einfach aus. Auf der Baustelle fügt Zimmermann Christian Breu mit zwei Mitarbeitern ein paar Dachbalken zusammen, ein anderer klopft die Nägel ins einheimische Holz, damit das Dach auch hält.

Ein Rundgang mit Herwig Danzer. Die eine Seite eines Brettes ist die Innenseite des Hauses. Im Erdgeschoss ist alles offen. Küche, Ess- und Wohnzimmer trennen keine Türen. Wo die Treppe künftig ins Obergeschoss führt, ein Loch. Oben arbeitet Christian Breu und nagelt die letzten Balken fest. Es riecht nach Holz.

Herwig Danzer ist von Anfang an bei "Original Regional" dabei. Der ehemalige Lehramtsstudent mit abgebrochenem Studium ist gemeinsam mit Gunther Münzenberg Chef der etwas anderen Schreinerei "Die Möbelmacher" gleich neben dem Musterhaus. Danzer und Münzenberg machen keine Möbel von der Stange. Sie machen Massivholzmöbel, jedes Stück ein Unikat.

Und sie bauen Möbel mit Holz aus der Region. Es kommt aus den gleichen Wäldern, die den Rohstoff für das Musterhaus lieferten. Herwig Danzer zieht in der Schau-Küche eine Schublade heraus und stellt sich hinein. "83 Kilo", sagt er. Die Schublade hält.

"Alles aus einer Hand"


Eine Küche aus Eigenproduktion wird bald in dem Musterhaus stehen. Im Wohnzimmer werden Möbel aus Eigenproduktion stehen, in den Schlafzimmern und im Büro auch. "Schließlich ist es ein Musterhaus", sagt Danzer. "Aus der Region für die Region aus einer Hand."

Im Musterhaus will Danzer weiter seiner Geschäftsphilosophie folgen. "Wir geben nur Anregungen, das fertige Produkt kann ganz anders aussehen". Er zeigt auf eine Kommode, die halbfertig wirkt. Ohne Griffe. "Diese Kommode ist fertig", sagt Danzer. Die Auftraggeberin wollte keine Griffe, also haben die Schreiner die Türen oben zugespitzt. Auch das Musterhaus kann ganz individuell geplant und gebaut werden.

Noch heuer wollen Herwig Danzer, seine Frau und die Tochter in das Holzhaus einziehen, das mit Hackschnitzel-Heizung aus der benachbarten Schreinerei beheizt wird. Weil es ein Musterhaus ist, kann es natürlich besichtigt werden. Danzer informierte sich deshalb bei anderen Musterhausbewohnern in der Region.

"Und plötzlich standen wir vor dem Problem, falls jemand unbedingt nachts um 23 Uhr das Musterhaus besuchen will", sagt Danzer. Der Familienrat tagte. Das Ergebnis: "Dann haben wir sicher was im Kühlschrank stehen, was wir dem Gast anbieten können."

Das Musterhaus im Internet: www.die-moebelmacher.de, die Familie Danzer ist unter Telefon 0 91 51-86 29 99 zu erreichen.

© NÜRNBERGER NACHRICHTEN

Abendzeitung am 14.08.01 von Natalie Boonyaprasop

Auch Stoiber schwört aufs Franken-Haus

Eine Hersbrucker Möbelfirma und ihr Vorzeige-Projekt machen Furore

Dieses Haus ist Franken-Power pur: Vom Entwurf

bis hin zum Dachgiebel ist beim "Regionalen Muster-

haus" in Unterkrumbach (bei Hersbruck) alles von fränki-

scher Hand geschaffen worden. Und nicht nur die Handwerker kommen alle aus der Region. Auch das Material des vollständig aus Holz gefertigten Gebäudes ist praktisch von nebenan.

Der Initiativkreis Holz aus der Frankenalb und die Möbelmanufaktur "Die Möbelmacher, auf deren Firmengelände in Unterkrumbach das Haus gebaut wird, sind stolz: "Das Holzhaus ist ein Beispiel für gezielte Nutzung und Verarbeitung heimischen Holzes durch heimische Handwerker", erklärt Möbelmacher-Chef Herwig Danzer.

Seine Firma hat als wichtigster Träger des Musterhaus-Projektes die Vorzüge fränkischer Gehölze schon lange erkannt: Seit der Firmengründung im Jahr 1988 stellt Danzer Küchen aus einheimischem Holz her. Nun feiern Danzer und seine Möbelmacher das Richtfest ihres ersten Hauses – gebaut komplett aus hiesigem Holz. Die verarbeiteten Bäume wuchsen nur vier Kilometer weit entfernt heran – allesamt stammen sie aus der Hersbrucker Alb.

Firmen-Boss und Bau-Pionier Herwig Danzer glaubt, dass durch das bundesweit geachtete Projekt zusätzliche Arbeitsplätze entstehen könnten. Die Umwelt profitiere sowieso vom rein fränkischen Holzhaus: Es werden nur so viele Bäume gefällt, wie auch wieder nachwachsen können - und die kurzen Transportwege verursachen weniger Abgase. Aus diesen Gründen wurde das Projekt auch in den so genannten "Umweltpakt Bayern II" aufgenommen - und erhielt dafür bereits von Ministerpräsident Edmund Stoiber Lob von höchster Stelle. Und als der Stadt Hersbruck unlängst das Prädikat "Slow-City" für seine hohe Lebensqualität verliehen wurde (AZ berichtete), war das Musterholzhaus an der Auszeichnung maßgeblich beteiligt.

Infos zum Regionalen Musterhaus gibts auch im internet: www.die-moebel-macher.de

Natalie Boonyaprasop

Hersbrucker Zeitung am 8. August von Thomas Raum

2. INTERNATIONALER Classic & Latin GITARRENKURS

Hersbruck 2001

Zum zweiten Mal darf Hersbruck sich mit internationalem Flair schmücken. Arnoldo Moreno, Josep Henriquez und Gerard Abiton sind Gitarristen mit überagenden Fähigkeiten und mit Sicherheit noch bekannte Namen, die sich in die Herzen der Zuhörer der 1. Internationalen Gitarrenkurstage 2000 gespielt haben dürften. Dazugestoßen ist Martin Kelner, ebenfalls Gitarrenvirtuose und Dozent der Musikhochschule Wien, ein Kollege von Arnoldo Moreno. Unterstützt werden die vier Gitarristen von Ernst Grieshofer, einem Percussionisten aus Graz. An zahlreichen Örtlichkeiten in Hersbruck werden Gitarrenkonzerte stattfinden, an denen einige der ca. 25 internationalen Kursteilnehmer, die sich ebenfalls eingefunden haben, ihr Können zu Gehör bringen werden. Der durch die Initiative von Hersbrucks 1. Bürgermeister Wolfgang Plattmeier entstandene Kontakt zu den Künstlern konnte weiter ausgebaut werden und so kann sich Hersbruck mit einem kulturellen Highlight 2001 mehr präsentieren.

Sonntag, 5. August 2001, Altstadtfest in Hersbruck, Remmidemmi, Musik überall, Menschenmassen schlendern durch die Altstadt. Kaum zu glauben, dass sich in der Nähe ein "Ereignis der Superlative" für Liebhaber, Kenner und Könner der Gitarrentöne abspielt. Saitenakrobatik in wahrlich passendem Element, akustische Gitarrenklänge im Holzambiente bei den Möbelmachern in Unterkrumbach.

Angesagt haben sich zu diesem Eröffnungskonzert Arnoldo Moreno (Gitarre) und Martin Kelner (Gitarre), die Dozenten der Musikhochschule Wien. Unterstüzt werden sie von Ernst Grieshofer, Percussion.

Das Eröffnungskonzert um 16.00 ist voll besucht. In die Halle der Möbelmacher werden sogar noch zusätzliche Bänke hereingestellt, um dem Publikumsandrang gerecht zu werden und jedermann einen adäquaten Platz zu bieten.

Herwig Danzer, Inhaber der Möbelmacher und Organisator, erwähnt vor Beginn kurz, dass es in diesem Rahmen auch um die Qualität in allen Richtungen geht und weist auf die Umrahmung mit Pause und kulinarischen Genüssen hin, ganz im Sinne der Slow City Bewegung, mit deren Zerifikat sich Hersbruck schmücken kann.

Nach großem Eingangsapplaus nimmt Martin Kelner seinen Platz auf der Bühne ein. Der Saal verstummt, zart fließend bis virtuos prägnant erklingt sein erstes Stück. Martin Kelner stimmt die Zuhörer ein und bringt sie auf seinen Weg. Er spielt in einer speziellen Stimmung, ein Stück dem Flamenco zugehörig, langsam, melancholisch, in sich steigernd und intensiv. Er nimmt das Publikum mit in eine andere Welt. Der Klang und die Akkustik im vollen Saal ist phänomenal gut. Klare, dominante Bässe, eher gedämpfte, nicht allzu spitze Höhen. Dies liegt natürlich nicht nur an der kleinen, feinen Anlage, mit der der Saal beschallt wird, sondern vor allem am excellenten Instrument, "einer Rarität", wie der Meister in der Pause im Gespräch betont. Sein zweites Stück, eine Rhondenia, aus der Gegend um Rhonda stammend, ist fließend filigran mit exakter Intonation, bei der man bei genauem Hinschauen sehen kann, wie er seinen Zeigefinger entgegengesetzt über das Griffbrett verbiegen kann. Vom Flamenco, bei dem ein Gefühl von Landschaft, der Tiefe und dem Feuer eines Landes vermittelt wird, bis zur Eigenkomposition zeigt Martin Kelner all sein Können und beweist, dass er sowohl im Latin wie auch im Folk zu Hause sein kann. Gefühl und Geschwindigkeit sind spür- und hörbar bei "The Wedding". Schottische Klänge, der Zuhörer schließt die Augen und glaubt an "Dudelsackpfeifen und Highlands". Ein "Stimmungszauberer".

Arnoldo Moreno betritt die Bühne, zusammen mit Martin Kelner beginnt er mit einem Stück aus Venezuela. Es ist ein Knistern spürbar, ein Duett der Superlative, ein Erguß der Finger, in gegenseitig wechselnder Dominanz, das Publikum fesselnd mit unerwarteter Leichtigkeit und Harmonie. Beim gemeinsamen Interpretieren eines Stückes von Pat Metheney gehen die Musiker ineinander auf, tragend auch hier die exakte und rhytmische Begleitung durch Percussionist Ernst Grieshofer. Sehr beckenbetont und treibend, aber stehts dezent und die Gitarren unterstützend.

Arnoldo Moreno führt mit seiner lockeren Art das applaudierende Publikum angeregt in die 20 minütige Pause, in der Getränke und allerlei Genüsse angeboten werden. Zeit zum Gespräch.

"Man hat 2000 Interessenten angeschrieben und davon einige der Besten für diesen Gitarrenkurs ausgewählt,"erklärt Hersbrucks 1. Bürgermeister Wolfgang Plattmeier in der Pause. Dies lässt für die Konzerte und Workshops, die in Hersbruck in dieser Woche stattfinden werden einiges erwarten. "Mir gefällt es sehr gut in Hersbruck und ich finde die Idee toll, " bestätigt Martin Kelner, für den dies der erste Aufenthalt in Hersbruck ist. Als Freund und Kollege Arnoldo Morenos wurde er zum Internationalen Gitarrenkurs miteingeladen und erweitert das Können, wie jedenfalls um die Stahlsaitengitarre, die er beispielhaft bei seiner Eigenkomposition einsetzt.

Nach Plausch und Stärkung geht es beschwingt weiter, mit Latin & Percussion und einem brillianten Zusammenspiel von Arnoldo Moreno und Ernst Grieshofer. "Latin Sound, so wie wir zu Haus musizieren," leitet Meister Moreno ein, "eine Mischung verschiedenster Richtungen, von Villa Lobos bis.....! " Und der Zuhörer merkt, es geht immer noch ein bisschen mehr. Arnoldo Moreno ist ein Könner mit einem Lächeln auf dem Gesicht, ein Meister, den bei seiner Darbietung die Leichtigkeit davonträgt, wie bei einer Melodie, die er ansonsten für seine kleine Tochter spielt und daraus ein Stück entwickelt hat. Eine Mischung aus Phantasie und Melancholie in Latin. Bei Glen Millers "In the Mood" vermischen sich die Welten. Mit einer enormen Fingerfertigkeit werden der Gitarre orchestrale Klänge entlockt. Unvorstellbar, wie mit Bassbegleitung und Melodie gearbeitet wird.

Flageoletts und percussives Spiel sprühen förmlich Funken und lassen dem Publikum nur Raum zu tosendem Beifall.

Der "2. Internationale classic & latin Gitarrenkurs" wurde an diesem Tag durch eine überragende Leistung dreier virtuoser, enthusiastischer Könner und Meister ihres Instrumentes eingeleitet. Die nachfolgenden Konzerte, am Mittwoch, den 8.8.01/20.00 Uhr in der Stadtkirche, bzw. am Samstag, den 11.8.01 in der AOK um 20.00 Uhr das Abschlusskonzert, sind unbedingt zu empfehlen. Ebenso interessant werden die Sessions in und um Hersbruck sein. Weitere Informationen kann man der Zeitung entnehmen.

Saitenakrobaten im Landkreis, Liebhaber und Kenner, geht hin. Und wer sich immer noch nicht entscheiden kann, ob er sein Instrument in die Ecke stellen soll oder nicht, der gönne sich eine Hörprobe. Mit Sicherheit weiß er es hinterher.


Thomas Raum

Nürberger Zeitung am 31.7.01 von Isabel Strohschein

Äpfel und harte Nüsse stellen den Ministerpräsidenten auf die Probe:

Stoiber tastet sich durch Slow City

Ein Sinnesparcours in Hersbruck zeigt den Landesvater als sinnenfroh Der "Kini" weiß jetzt auch, wie der fränkische Kloß zum Braten kommt

HERSBRUCK (NZ). "Wenn der Kini kommt, sorgen wir

natürlich für ein gescheites Wetter", donnert Landrat Helmut

Reich von seiner Rednerkanzel am Eingang des Hersbrucker

Stadthauses herab. Der Kini? Mangels einer Monarchie kam

Ministerpräsident Edmund Stoiber nach Hersbruck –

anscheinend fast dasselbe.

Regionale Schmankerl, ihre Produktion, Verarbeitung und

Vermarktung waren das Thema seines Besuchs im

Regierungsbezirk Mittelfranken, einer der letzten Stationen

von Stoibers Tour durch das Bayernland. BSE und die Maul-

und Klauenseuche hatten den Landesvater auf die Straßen

getrieben, um zu schauen, was in der kleinbäuerlichen

Landwirtschaft so passiert.

Auf dem Hof der Brüder Schneider in Petersaurach (Kreis

Ansbach) überzeugte er sich von einer erfolgreichen

Direktvermarktung, die der Familienbetrieb mit mehreren

Hofläden und einem eigenen Partyservice auf die Beine

gestellt hat. Die Fleischprodukte der Schneiders sind auch

in den kürzlich eröffneten Regionaltheken in den

Hörnlein-Centern (Die NZ berichtete) zu finden. Die

heimische Kartoffelverarbeitung durfte da nicht fehlen: Wie

der leckere Kloß zum fränkischen Schweinebraten entsteht,

wurde Stoiber in der Kloßteigfabrik Henglein in

Wassermungenau (Kreis Roth) vorgeführt.

Edmund Stoiber, von den in Hersbruck wartenden

Zaungästen "unser Edi" genannt, kokettierte bei seiner

Begrüßung mit seiner Prominenz. Er wundere sich doch, dass

um ihn so ein Bahnhof gemacht werde. Er sei in Sachen

gesunder Ernährung unterwegs: "Das billige Angebot an

Fleisch scheint das Maß aller Dinge zu sein", und das

verurteile er. Früher habe man dem Herrgott noch gedankt,

wenn das Essen auf dem Tisch stand. Qualität müsse auf dem

Speiseplan stehen, kein "Fast Food". Den Hersbruckern

musste er da nichts erzählen, sie sind Genießer, das haben

sie sogar schriftlich.

"Slow City" heißt das Prädikat einer Bewegung aus dem

Schlemmerland Italien, die sich für qualitativ hochwertige

Lebensmittel einsetzt. "Slow City" heiße aber nicht, dass es

in Hersbruck besonders langsam zugehe, "slow" sei im Sinne

von "lebenswert" zu verstehen, erklärte zur Sicherheit

Bürgermeister Wolfgang Plattmeier (SPD). Dazu gehört

beispielsweise die mit viel Geld sanierte Innenstadt, in der

die seit fast 1000 Jahren bestehende Stadtstruktur erhalten ist.

Regionale Produkte von ökologisch orientierten Bauern

machen umweltbewusstes Leben ebenso möglich wie das

Naturschutzzentrum Wengleinpark des Bundes Naturschutz,

der den Tag der Regionen ins Leben gerufen hat. Auch die

heimische Industrie, allen voran die ansässige Möbelfirma

"Die Möbelmacher", setzen neue Akzente in der heimischen

Wirtschaft.

Füttern, Riechen, Hören

Die Kinder aus dem Kindergarten Sandgasse in Hersbruck

sorgten für Abwechslung bei aller Information über diverse

Initiativen. Zuerst ein fröhliches Liedchen, dann ein

flottes Spielchen: Ernährungsberaterinnen hatten einen

Sinnesparcours vorbereitet, bei dem nicht nur die Kinder,

sondern auch Stoiber und seine Minister Josef Miller

(Landwirtschaft und Forsten) und Eberhard Sinner

(Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz) mitmachten.

Füttern mit geschlossenen Augen: "Das ist ein kräftiger

Apfel", ruft Stoiber. Zwiebeln und Tomaten erkennt er in

geschlossenen Kisten durch Tasten, er erschnuppert

Schnittlauch aus einer Riechdose und stellt zufrieden fest:

"Riechen und Tasten geht noch." Keine Sorge, auch das

Gehör funktioniert noch: Die harte Nuss, die hinter einem

Vorhang geknackt wurde, ist für Stoiber kein Neuland – die

erkennt der "Kini" sofort.

Isabel Strohschein

Hersbrucker Zeitung vom 31. Juli 01 - von Thomas Kohl

Stoiber besuchte erste Slow City Deutschlands

HERSBRUCK -
"Kaiserwetter" herrschte, als Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber gestern vormittag Hersbruck besuchte. Das gehöre sich auch so, "wenn der Kini vo' Bayern kommt", meinte Landrat Helmut Reich bei der Begrüßung des Landesvaters vor dem Stadthaus am Schlossplatz. Stoiber machte im Rahmen einer Informationsfahrt zum Thema "Agrarpolitik und Verbraucherschutz" über eine Stunde lang Station in der ersten Slow City Deutschlands. Mit dabei waren die Staatsminister Josef Miller (Landwirtschaft und Forsten) und Eberhard Sinner (Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz).

Um 11 Uhr soll Stoiber am Schlossplatz eintreffen. "Glauben Sie, dass er pünktlich ist?" - diese Frage macht beim neugierigen Fußvolk genauso die Runde wie bei den Vertretern des so genannten öffentlichen Lebens, die dem höchsten Politiker des Freistaats bei seinem dritten Besuch im Nürnberger Land und dem zweiten in Hersbruck ihre Reverenz erwiesen.

Um 11.07 Uhr hört man hinter dem Stadthaus ein Fahrzeug. Es ist nicht der Ministerpräsident, nur das orange städtische Müll-Dreirad. Als es durchs Wassertor tuckert, trifft es fast auf den entgegenkommenden Konvoi aus Polizei- und Staatskarossen, der mit einem Tempo auf den Schlossplatz braust, das für normale Autofahrer hier tabu ist. Stoiber steigt aus dem ersten der beiden silbernen BMW, schüttelt Hände und weist aufdringliche Rundfunkreporter ab, die jetzt schon auf ein Interview drängen, noch bevor die Veranstaltung richtig begonnen hat.

Der Ministerpräsident, seine beiden Minister, Regierungspräsident Karl Inhofer, der mittelfränkische CSU-Vorsitzende und stellvertretende Landtagsfraktionschef Joachim Herrmann, aber auch viele andere Politiker unterschiedlichen Wichtigkeitsgrads umringen das Portal des Stadthauses. Dort steht ein Rednerpult - und ein Schreibpult, wo sich das Regierungs-Triumvirat in die Goldenen Bücher von Stadt und Landkreis eintragen soll.

Landrat Helmut Reich begrüßt die hohen Herren: "Für Ihren Informationsbesuch zum Thema Agrarpolitik und Verbraucherschutz hätten Sie in Mittelfranken wohl keinen besser geeigneten Landkreis finden können als unseren. Immerhin haben wir als eins der ersten Landratsämter die Umsetzung und Neuordnung der Ernährungsberatung und des Verbraucherschutzes bereits vollzogen. De jure seit 1. Mai, de facto seit Anfang Juni, hat die Staatliche Ernährungsberatung
ihren Sitz am Landratsamt", erzählt der Landkreischef. Die drei Mitarbeiterinnen sind dem Gesundheitsamt zugeordnet. "Es geht darum - wie von Ihnen auch propagiert -, das Vertrauen in die Sicherheit unserer Lebensmittel zu stärken und eine bessere Gesundheitsprävention zu praktizieren."

Bürgermeister Wolfgang Plattmeier äußert seine Freude, dass Stoiber fast genau
sieben Jahre nach seinem ersten Besuch nun erneut nach Hersbruck kommt. Er erklärt, dass Slow City nicht langsame Stadt, sondern lebenswerte Stadt bedeute.

Billig oder gesund?

Das wusste der Ministerpräsident bereits: "Slow City ist eine großartige Idee. Ich kann Hersbruck nur gratulieren, dass es die erste Stadt in Deutschland ist, die sich dieser italienischen Gegenbewegung zu Fast-Food anschließt." Der Regierungschef erinnert daran, wie Bayern mit der Gründung eines Verbraucherschutz-Ministeriums auf die BSE-Krise reagiert hat, und bedauert, dass das Problembewusstsein bei vielen Leuten wieder stark abgenommen hat. Billiges Fleisch sei wieder stark gefragt. Stoiber: "Das gesunde Angebot hat außerordentliche Schwierigkeiten, sich seinen Markt zu erkämpfen und zu erweitern."

Welche Eigenschaften gute Lebensmittel aus der Region haben, erleben die Politiker anschließend bei einem Sinnesparcours im großen Sitzungssaal des Stadthauses. Buben und Mädchen aus dem Kindergarten Sandgasse sollen Obst und Gemüse daran erkennen, wie es ausschaut, schmeckt, riecht, welches Geräusch es verursacht oder wie es sich anfühlt.

Auch der Ministerpräsident ist eingeladen mitzumachen. Einen Apfel erkennt er am Geschmack, Zwiebel und Tomate durch Anfassen. "Also, Schmecken und Tasten geht noch", meint er am Schluss. Stoiber lobt diese Initiative der Staatlichen Ernährungs- und Verbraucherberatung des Landratsamts, die die Aufmerksamkeit und Neugierde der Kleinen für das alltägliche Essen und Trinken wecken soll. Allen Kindern - nicht nur denen, die ihm bei seinen kniffligen Aufgaben weitergeholfen haben - schenkt er eine Benjamin-Blümchen-Kassette. Die Kleinen freuen sich.

Im Foyer informieren sechs Gruppen über ihren Einsatz für die Vermarktung regionaler Erzeugnisse: die Slow-Food-Bewegung, das Naturschutzzentrum Wengleinpark, die Bauerngemeinschaft der landwirtschaftlichen Direktvermarkter und die Streuobstinitiative Hersbrucker Alb, der Initiativkreis Holz aus der Frankenalb und die Gastwirte-Aktion "Heimat auf'm Teller". Die Regierungsvertreter sind vom Bürgerengagement beeindruckt. Zugeständnisse, ihre Arbeit kräftig aus der Staatskasse zu unterstützen, machen sie nicht.

Zeichen zum Aufbruch. Die Zeit drängt, der nächste Termin in Petersaurach bei Ansbach ruft. Um 12.20 Uhr verlässt der Konvoi den Schlossplatz - mit demselben Tempo, wie er gekommen war. THOMAS KOHL