| Nürberger Zeitung am 31.7.01 von Isabel Strohschein
Äpfel und harte Nüsse stellen den Ministerpräsidenten auf die Probe:
Stoiber tastet sich durch Slow City
Ein Sinnesparcours in Hersbruck zeigt den Landesvater als sinnenfroh Der "Kini" weiß jetzt auch, wie der fränkische Kloß zum Braten kommt
HERSBRUCK (NZ). "Wenn der Kini kommt, sorgen wir
natürlich für ein gescheites Wetter", donnert Landrat Helmut
Reich von seiner Rednerkanzel am Eingang des Hersbrucker
Stadthauses herab. Der Kini? Mangels einer Monarchie kam
Ministerpräsident Edmund Stoiber nach Hersbruck
anscheinend fast dasselbe.
Regionale Schmankerl, ihre Produktion, Verarbeitung und
Vermarktung waren das Thema seines Besuchs im
Regierungsbezirk Mittelfranken, einer der letzten Stationen
von Stoibers Tour durch das Bayernland. BSE und die Maul-
und Klauenseuche hatten den Landesvater auf die Straßen
getrieben, um zu schauen, was in der kleinbäuerlichen
Landwirtschaft so passiert.
Auf dem Hof der Brüder Schneider in Petersaurach (Kreis
Ansbach) überzeugte er sich von einer erfolgreichen
Direktvermarktung, die der Familienbetrieb mit mehreren
Hofläden und einem eigenen Partyservice auf die Beine
gestellt hat. Die Fleischprodukte der Schneiders sind auch
in den kürzlich eröffneten Regionaltheken in den
Hörnlein-Centern (Die NZ berichtete) zu finden. Die
heimische Kartoffelverarbeitung durfte da nicht fehlen: Wie
der leckere Kloß zum fränkischen Schweinebraten entsteht,
wurde Stoiber in der Kloßteigfabrik Henglein in
Wassermungenau (Kreis Roth) vorgeführt.
Edmund Stoiber, von den in Hersbruck wartenden
Zaungästen "unser Edi" genannt, kokettierte bei seiner
Begrüßung mit seiner Prominenz. Er wundere sich doch, dass
um ihn so ein Bahnhof gemacht werde. Er sei in Sachen
gesunder Ernährung unterwegs: "Das billige Angebot an
Fleisch scheint das Maß aller Dinge zu sein", und das
verurteile er. Früher habe man dem Herrgott noch gedankt,
wenn das Essen auf dem Tisch stand. Qualität müsse auf dem
Speiseplan stehen, kein "Fast Food". Den Hersbruckern
musste er da nichts erzählen, sie sind Genießer, das haben
sie sogar schriftlich.
"Slow City" heißt das Prädikat einer Bewegung aus dem
Schlemmerland Italien, die sich für qualitativ hochwertige
Lebensmittel einsetzt. "Slow City" heiße aber nicht, dass es
in Hersbruck besonders langsam zugehe, "slow" sei im Sinne
von "lebenswert" zu verstehen, erklärte zur Sicherheit
Bürgermeister Wolfgang Plattmeier (SPD). Dazu gehört
beispielsweise die mit viel Geld sanierte Innenstadt, in der
die seit fast 1000 Jahren bestehende Stadtstruktur erhalten ist.
Regionale Produkte von ökologisch orientierten Bauern
machen umweltbewusstes Leben ebenso möglich wie das
Naturschutzzentrum Wengleinpark des Bundes Naturschutz,
der den Tag der Regionen ins Leben gerufen hat. Auch die
heimische Industrie, allen voran die ansässige Möbelfirma
"Die Möbelmacher", setzen neue Akzente in der heimischen
Wirtschaft.
Füttern, Riechen, Hören
Die Kinder aus dem Kindergarten Sandgasse in Hersbruck
sorgten für Abwechslung bei aller Information über diverse
Initiativen. Zuerst ein fröhliches Liedchen, dann ein
flottes Spielchen: Ernährungsberaterinnen hatten einen
Sinnesparcours vorbereitet, bei dem nicht nur die Kinder,
sondern auch Stoiber und seine Minister Josef Miller
(Landwirtschaft und Forsten) und Eberhard Sinner
(Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz) mitmachten.
Füttern mit geschlossenen Augen: "Das ist ein kräftiger
Apfel", ruft Stoiber. Zwiebeln und Tomaten erkennt er in
geschlossenen Kisten durch Tasten, er erschnuppert
Schnittlauch aus einer Riechdose und stellt zufrieden fest:
"Riechen und Tasten geht noch." Keine Sorge, auch das
Gehör funktioniert noch: Die harte Nuss, die hinter einem
Vorhang geknackt wurde, ist für Stoiber kein Neuland die
erkennt der "Kini" sofort.
Isabel Strohschein
|